Tibet Terrier, Hunde der Berge?

Den nachfolgenden Bericht haben wir Ende 2005 nach unserer Wohnmobiltour in den Norden Schwedens geschrieben. Er wurde in der Ausgabe 2/2005 unserer Klubzeitschrift “KTR-Reporter” veröffentlicht.
Der Tibet Terrier wird in vielen Rassebeschreibungen als idealer Hund für ein Leben im Gebirge dargestellt. Seine gesunde Konstruktion erlaubt es ihm, sich selbst im schwierigen hochalpinen Gelände absolut sicher, kraftvoll und doch beinahe mühelos zu bewegen.
Gelten diese Aussagen auch noch heute für die Tibet Terrier unserer Zucht, oder sind im Laufe der Entwicklung dieser Rasse und bedingt durch das Zusammenleben mit dem Menschen bereits einige dieser Fähigkeiten der Hunde verloren gegangen?
Für uns können wir diese Frage eindeutig beantworten und möchten daher an dieser Stelle gerne einmal über unsere Erlebnisse mit unseren Tibbis in der freien Natur insbesondere den Bergregionen Schwedens berichten.
Mit besonderen Kletterkünsten hat uns unsere erste Tibbi-Hündin Jannu bereits im Alter von wenigen Monaten konfrontiert. Sie liebte es bei unseren Waldspaziergängen auf die gefällten und aufgeschichteten Baumstämme zu klettern. Je höher je lieber. Klar, dass wir anfangs genau hinschauten wenn Jannu hoch über uns umherturnte, vor allem wenn die Stämme feucht waren. Schnell merkten wir jedoch, mit welcher Sicherheit Jannu agierte. Sie sprang nie unbedacht auf die Stämme hinauf, schien mit einem Blick die Situation genau abschätzen zu können. So entwickelte sich bei uns ein mittlerweile blindes Vertrauen in Jannus Fertigkeiten.
Wir sind in das Land Schweden verliebt und verbringen dort meistens unsere Urlaubszeit. Unser Häuschen in Süd-Schweden liegt direkt am Waldrand, so dass von hier aus viele Möglichkeiten für ausgedehnte Spaziergänge gegeben sind. In der Nähe befindet sich das Tal der Riesen „Jättadalen“ mit seinen steilen Felsabbrüchen, außerdem ein sehr weitläufiges Naturschutzgebiet, der Nationalpark von Tiveden. Der Wald von Tiveden trägt noch heute Züge eines Urwaldes, die Eiszeit hat riesige, glattgeschliffene bis zu 30m hohe Granitblöcke hinterlassen, die sich quer durch das Gebiet ziehen. Auf diesen Felswällen verlaufen teilweise auch die Wanderwege, wobei manche Stellen mit Holz- oder Seilgeländern gesichert sind. Bei den ersten Gängen versuchten wir noch Jannu „den richtigen Weg“ zu zeigen, doch bald mussten wir einsehen, dass ihre Wegwahl besser war als unsere eigene. Insbesondere bergab nahm Jannu mit traumhafter Sicherheit Wege über Felswände, wo wir uns vermutlich Hals und Bein gebrochen hätten.
Jannus Tochter Amji und ihr Sohn Dhaula scheinen diese Fertigkeiten von ihrer Mutter geerbt zu haben. Selbst als sie das Gebiet von Tiveden und diese Art von Wegen zum ersten Mal sahen sprangen sie auf und über die Felsen als wäre es die natürlichste Sache der Welt und als hätten sie nie etwas anderes gesehen und gemacht. Klettern, hier drehen unsere Tibbis stets erst so richtig auf und wir sind immer wieder fasziniert, welch phantastische Kletterer unsere Tibeter doch sind.
Im Juni 2005 waren wir mit unserem Wohnmobil drei Wochen im Norden Schwedens unterwegs. An der Ostküste „bestiegen“ wir den in Schweden bekannten und berühmten Felsklotz Skuleberget im gleichnamigen Nationalpark. Der Berg ist zwar nur 295m hoch, man startet jedoch fast auf Meereshöhe und außerdem besitzt er die beiden einzigen gesicherten Klettersteige Nordeuropas. Natürlich benutzten wir vom Campingplatz aus zusammen mit unseren vier Tibbis eine der Normalrouten, die in ca. 1½ Stunden zum Gipfel führt. Unsere älteste Hündin Jannu, zu diesem Zeitpunkt 9½ Jahre alt und eigentlich topfit, hatte ich beim abendlichen Spaziergang auf der Asphaltstrasse am Tag zuvor genauer beobachtet. Sie schien mir in der Hinterhand etwas steifer zu laufen als sonst, auch sank die Rute immer tiefer. Nun gut wir nahmen zur Tour ohnehin jeder einen Tagesrucksack mit und im Rucksack transportiert zu werden kannte Jannu schon aus ihrer Jugendzeit vom Skilaufen her.
Unser Weg führte uns zunächst durch Wald und über Wiesen und kreuzte mehrfach die Skipiste. Da keine weiteren Wanderer unterwegs waren und das Terrain übersichtlich ist, liefen unsere Tibbis frei, obwohl in Schweden bis zum 20. August Leinenpflicht besteht. Während Dhaula, Mima und Amji die Chance nutzten und abseits des Weges umherstöberten, trottete Jannu direkt auf den Hacken meiner Frau, wie durch eine unsichtbare Leine verbunden. Rasch jedoch wechselte der Untergrund zu einem reinen Felsenstieg. Und genau in diesem Moment passierte es, Jannu schoss aus dem „Windschatten“ meiner Frau heraus an die Spitze unserer Truppe, sprang die glatten Felsen hinauf und stand mit hoch erhobenem Kopf und wedelnder Rute stolz wie ein Spanier auf einem der höchsten Felsblöcke. Behend lief sie vor uns her und suchte sich selbst ihren Weg über die Felsen, kein Vergleich mehr mit dem Hund von gestern. Wir schauten uns an und mussten lächeln, klar Jannu waren die Spaziergänge auf den Waldwegen wieder einmal zu langweilig gewesen. Auf Felsenwegen zu laufen und auf die hohen Felsblöcke zu klettern, das ist ihre Welt. Bereits in vergangenen Schwedenurlauben hatten wir bemerkt, dass Jannu irgendwann auf den normalen Spaziergängen nur noch „nebenhertrottete“ und im anspruchsvolleren und teils schwierigen, steinigen Gelände wie beispielsweise im Nationalpark von Tiveden, wieder voll aufdrehte. Sie ist halt ein echter Tibeter. Wir waren wieder einmal hellauf begeistert wie absolut sicher sich unsere Vierbeiner bewegten. Und Mima? Für unsere mit einem Jahr Jüngste war dies die erste Tour in einem solchen Gelände. Auch sie bewegte sich mit einer Sicherheit und Selbstverständlichkeit über die glatten, hohen Felsblöcke als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht.
Dhaula Der Weg zur 
Nach einer ausgiebigen Rast am Gipfel mit Stärkung für Mensch und Hund machten wir uns wieder auf den Rückweg. An der ersten Weggabelung entschlossen wir uns noch zur großen Grotte abzusteigen. „Teilweise steiler Abstieg, gutes Schuhwerk erforderlich“ stand auf einem großen Schild. Unser Schuhwerk passte und die Pfoten unserer Tibbis sind wie geschaffen für diese Wege. Die Hunde folgten auch in diesem in der Tat nicht einfachen Gelände wieder ihrer Nase und schließlich nahmen auch wir eher die Pfade der Hunde als den markierten Weg. Wir kamen an ein besonders steiles Stück, etwa 10m hoch, das durch mehrere Holz-Treppen gangbar gemacht war. Unsere Hunde warteten, so ging meine Frau voran und als sie am Fuße der Treppe angekommen war folgten die Hunde einzeln. Dhaula ging etwa bis zur Mitte der Treppe, hatte dann aber eine neue Idee. Er sprang behände zur Seite und stand urplötzlich in der steil abfallenden Felswand. Er wirkte keineswegs überrascht über die Steilheit des Felsens sondern stand dort ganz selbstverständlich fast wie angeklebt und schaute sich um. Dann ging er mit wedelnder Rute das letzte Stück bis zu seinem Frauchen hinunter und fand seinen Weg offenbar einfach nur klasse. Auf dem Rückweg von der Grotte flippten Dhaula und Mima dann oberhalb dieser Treppenstelle total aus. So wie sie bei uns zu Hause durch die Wiesen oder den Hof flitzen, so tobten sie jetzt über die glattgeschliffenen Felsen, dass die Krallen nur so schabten. Full speed bergab über die Felsstufen gesprungen, genau rechtzeitig vor dem großen etwa 10m steil abfallenden Abbruch gewendet und in voller Fahrt die Felsen wieder hinauf. Minutenlang dauerte die wilde Hatz an. Beobachtern die die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Hunde nicht kennen hätte bei diesem Treiben sicherlich der Atem gestockt und ich muss ehrlich gestehen, dass auch uns kurz die Luft wegblieb und mir das energische „NEIN“ ganz vorne auf der Zunge lag. Auch der Schweiß auf meiner Stirn kam in diesem Moment nicht nur vom bergauf gehen. Schließlich saßen unsere beiden Oberflitzer wohlbehalten aber hechelnd und mit hängender Zunge auf einem großen Felsblock und warteten darauf, dass ich Wasser und Schüssel aus dem Rucksack holte. In diesem Augenblick habe ich es bedauert, dass es wieder einmal viel zu lange dauerte bis ich die Video-Kamera bereit hatte und dass es keine Möglichkeit gibt solche Aktionen der Hunde einmal auf einer Show einem breiteren Publikum zu zeigen. Kurz vor dem Gipfel des Skuleberget
Einige Tage später waren wir unterwegs im „Soldalen“ dem „Sonnental“. Woher das Tal diesen Namen erhalten hat war uns zumindest an diesem Tag ein Rätsel. Als wir den Bereich des Waldes verlassen hatten und höher stiegen, pfiff uns nämlich der Wind nur so um die Ohren bzw. die Nasen. Die Haare der Hunde standen waagerecht trotzdem tobten sie wieder wie wild durch das offene Gelände. An einem markanten Felsen rasteten wir kurz um die Lage zu sondieren. Wir wollten noch bis zum nächsten Felsrücken steigen um zu sehen, wie es dahinter weiterging. Drei Hunde sprangen umher aber wo war unsere Jannu? Wir fanden sie etwas abseits im Windschatten eines großen Felsblocks wo sie sich im niedrigen Beerengestrüpp eine Kuhle gebaut hatte in der sie jetzt lag und uns anstrahlte. Jannu liebt zwar windiges und kühles Wetter über Alles, und doppelschichtiges Haar hält ja auch einiges ab, aber dieser Sturm war selbst ihr zu viel. Nur ungern verließ Jannu ihr windgeschütztes Plätzchen, doch nach ein paar kurzen Anstiegen kam das Größte für unsere Vier. Wir standen vor einem Schneefeld von den Abmessungen etwa eines halben Fußballfeldes. Jetzt gab es kein Halten mehr und sofort ging die wilde Hatz wieder los. Der feuchte Schnee flog uns nur so um die Ohren. Etwas oberhalb des Schneefeldes rasteten wir im Windschatten. Hier begann Dhaula mit seiner Spezialvorführung „Schubbeln im Schnee“. Er bohrt sich dazu mit der Nase voran in den Schnee, dreht sich auf den Rücken und beginnt dann sich hin und her zu schubbeln. Oftmals schafft er dabei auch eine komplette Rolle über die ganze Längsachse. Das Schneefeld hatte eine wenn auch nur geringe Neigung und je mehr Dhaula sich hin und her schubbelte desto weiter rutschte er nach unten. Dhaula fand es aber toll und sah es als eine Art Abfahrtslauf für Hunde an. Unten am Schneefeld angekommen fegte er wieder zu uns hinauf und begann mit der nächsten Runde. Mima muss alle Dinge kopieren die Dhaula ihr vormacht. Auch sie versuchte sich im Schnee zu schubbeln. Sie hat aber die Technik noch nicht raus denn sie blieb mit den Hinterbeinen aufrecht stehen und versuchte dann mit den Beinen anzuschieben. Das brachte zwar nicht den gewünschten Effekt, sah aber recht lustig aus. 
Mancher mag mich jetzt vielleicht für etwas eigenartig oder gar „spinnert“ halten aber wenn ich in solchen Situationen unseren Hunden in das Gesicht schaue, so haben sie einen ganz anderen Ausdruck und ich habe den Eindruck, dass ihre Augen richtig leuchten. Ich denke diese kleinen Geschichten zeigen, dass sich zumindest unsere Hunde noch Vieles von ihrer Ursprünglichkeit und der Fähigkeit sich am Berg sicher zu bewegen bewahrt haben. Ich hoffe, dass wir selbst fit bleiben und noch recht lange die Gelegenheit haben unseren Hunden immer wieder solche Möglichkeiten zu bieten.  

Viele Grüße an alle Tibbis und Tibbi-Freunde von J. + St. Kolmer und den vier Tibetern der Ghar maa Kumbhakarna-Gang